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“Wilde Jahre” von Astrid Ruppert

Ich habe tatsächlich erst, als ich schon die Hälfte des Buches gelesen hatte erfahren, dass dies der zweite Teil einer Mutter-Tochter-Triologie ist. Gar nicht schlimm, denn „Wilde Jahre“ ist auch für sich allein ein rundes Ding und Lesevergnügen.  

Die Geschichte beginnt im Winter 1977 in Whitstable, einem Fischerort an der Nordküste Englands. In einem kleinen Zimmer direkt am Meer trotzt die junge Paula mit ihrer neugeborenen Tochter Maya, den kalten Sturmböen und Ungerechtigkeiten des Lebens. Paula wartet vergeblich auf den Vater ihres Kindes. Doch nur der Wind klappert hoffnungsvoll an der Tür.

Wir springen in das Jahr 1949 und treffen Charlotte, die gerade ihre Tochter Paula auf die Welt bringt. Sie lebt mit ihrem Mann, der in Kriegsgefangenschaft war, sowie der Schwiegermutter sehr spartanisch auf einem Bauernhof in einem hessischen Dorf. 

Astrid Ruppert katapultiert uns in das Jahr 2006. Im Gegensatz zum auktorialen Erzähler der Parts über die junge Paula und Charlotte, erzählt uns jetzt Maya von ihrer Suche nach sich selbst und ihrem Vater. Sie stellt ihrer Mutter Fragen über ihre Vergangenheit und lernt sie aus einer ganz anderen Perspektive kennen. Zuerst plätschert die Handlung etwas dahin, zieht mich nach den ersten Seiten dennoch in ihren Bann und nimmt immer mehr Fahrt auf.

Wilde Jahre zwischen gesellschaftlichen Zwängen und dem Kampf um Gleichberechtigung

Wir erfahren von Paulas Kindheit, die von Verzicht und der Arbeit auf dem Hof geprägt ist. Und einer Jugend, in der die Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau noch in weiter Ferne liegt. Doch die lebenslustige Paula will sich mit allen Mitteln von gesellschaftlichen Zwängen befreien. Sie träumt von Emanzipation, Freiheit und einer Karriere als Sängerin.  

Mit der Ausbildung an einer Marburger Handelsschule fängt für Paula ein neues Leben an. Abseits der beengenden Dorfgemeinschaft startet sie eine Mädchenband, was damals noch nahezu undenkbar ist. Erfolgreich geht sie ihre ersten Schritte als Sängerin. 

Mit einem plötzlichen Schmerz erkannte sie, dass die Zeit vorbei war, in der sie ihrer Tochter etwas beibringen konnte. Paula war so direkt und ungestüm. Damit würde sie noch oft Schwierigkeiten haben. Ihr Weg würde ein anderer sein als ihrer.

Astrid Ruppert – Wilde Jahre
Freiheit der Liebe

Auf dem Weg zum Burg Herzberg Festival trifft Paula 1971 den Engländer Harry. Wie Paula ist auch Harry auf der Suche nach sich selbst. Er kommt aus sehr gutem Haus und versucht, wie Paula gegen seinen vorbestimmten Lebensweg zu rebellieren. Die beiden verlieben sich und gehen zusammen nach London, wo sie sich mit Duo-Konzerten den Lebensunterhalt verdienen. Irgendwann ziehen in den kleinen Fischerort Whitstable unweit von Canterbury. Direkt am Meer finden die Zwei eine Wohnung und bekommen regelmäßig Auftritte im Strand-Pub. Alles scheint maßlos perfekt zu sein. Doch Harry steckt seine Erziehung stärker in den Knochen als Paula. Er sucht sich einen „ordentlichen“ Job in London und beginnt sich von Paula zu entfernen. 

Die weiten Sprünge zwischen den Jahren und Hauptpersonen nimmt Astrid Ruppert sehr gekonnt und ohne den Leser zu verwirren. Sie erschafft ein rundes Bild von drei Frauen aus drei Generationen, die zwar verwandt sind, aber unterschiedlicher nicht sein könnten. Die Details dieser starken Charaktere Seite für Seite zu entblättern ist ein Vergnügen, wenn auch der eine oder andere Konflikt für Frauen nicht unbekannt sein dürfte. Die besondere Beziehung zwischen Müttern und Töchtern ist halt nicht immer einfach. Wilde Jahre ist eine absolute Leseempfehlung meinerseits.


Astrid Ruppert: Wilde Jahre.
dtv | München 2020 | 458 Seiten, 15,90 €. 

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