MTrain_Patti_Smith

“M Train” von Patti Smith

Patti Smith ist Musikerin, Dichterin, sie ist Künstlerin, Malerin und Fotografin. Bekannt und berühmt wurde sie mit ihrem Debütalbum Horses (1975), mit dem sie in den 1970ern ganz neue Maßstäbe setzt. Auf dem ikonische Albumcover in Schwarz-Weiß ist Patti Smith zu sehen – androgyn, dünn, mit Männerhaarschnitt, Hemd und Krawatte. Der Sound ist eine atemberaubende Verschmelzung von Poetik und Rockmusik. Bis Horses in den Plattenläden stand, hatte es so etwas  nicht gegeben.

Es ist nicht einfach, über nichts zu schreiben

Patti Smith und schwarzer Kaffee

2010 erscheint Patti Smith Buch-Debüt Just Kids, eine Biographie ihrer frühen Jahre und ein wahninniger Erfolg. Sie beschreibt darin ihre besondere Beziehung und ihr Leben mit dem Fotografen Robert Mapplethorpe. In den USA wurde Just Kids mit dem National Book Award ausgezeichnet. Patti Smith ist eine weltberühmte Musikerin, die mit energetischen Shows das Publikum in ihren Bann zieht, doch viel mehr noch ist und war sie schon immer eine Poetin.

Jeden Morgen setzen wir uns mit ihr an den immer gleichen Tisch in ihrem Lieblingscafé im New Yorker West Village. Dieser Moment, der so schön für das Buchcover festgehalten wurde. Von hier aus nimmt sie uns mit auf ihre Lebensreise und wir begleiten sie in unzählige weitere Cafés auf der ganzen Welt, in denen sie schreibt, liest oder malt. Wir bestellen schwarzen Kaffee, Vollkorntoast und eine Schale Olivenöl, danach lesen wir mit ihr Haruki Murakamis Mister Aufziehvogel oder schauen ihr beim Schreiben zu und versinken in den Zeilen des Lebens.  

Heute überquere ich das Meer mit dem Ziel, in einem einzigen Bild den Strohhut von Robert Graves einzufangen, die Schreibmaschine von Hesse, die Brille von Beckett, das Krankenbett von Keats. Was ich verloren habe und nicht mehr finde, ist in meiner Erinnerung.

Erinnerungen an Vergangenes, Verlorenes und Unvergessenes

In M Train erinnert sich Patti Smith an alte Zeiten, alte Freunde und abenteuerliche Reisen: Sie wandelt auf den Spuren von Jean Genet durch Französisch-Guyana, besucht das Grab von Sylvia Plath, wohnt Bobby Fischers Schachturnier in Reykjavik bei oder legt sich von Übelkeit geplagt in Frieda Kahlos Haus in das Bett ihres Gatten Diego Riveras Bett um kurz auszuruhen. Wir fiebern mit ihr dem Kauf und der Renovierung eines alten Häuschen in Rockybeach entgegen. Smith zeigt uns ihre Polaroids von diesen Reisen und Begegnungen und erzählt uns von Dingen und Menschen, die sie in ihrem Leben verloren hat und philosophiert über damals und heute. Über allem liegt der wohl größte Verlust ihres Lebens – der Verlust ihres Mannes Fred Sonic Smith, Gitarrist der Rockband MC5. Doch die Trauer wirkt nicht überdimensional, nicht sentimental – Patti Smith ist eine starke Frau, etwas schrullig bisweilen, aber in jedem Fall eine Poetin, die einen Seite für Seite in eine unglaublich intime Biographie zieht, die sie so deutlich darstellt, als würde man ihr direkt gegenüber sitzen und einer Tasse Kaffee ihren Geschichten lauschen, dem Sog ihrer Erinnerungen “M Train” (Mind Train).


Patti Smith: M Train
Kiepenheuer&Witsch | Köln, 2016 | 336 Seiten | Gebundenes Buch, 19,99 €. 

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