Eine Winterreise in das verzauberte Prag

Ich entdecke die Welt sehr gerne mit meiner Familie zusammen, aber manchmal braucht man Alleinzeit. Zum ersten Mal fahre ich ohne Familie, nur eine Freundin begleitet mich auf meine Prag Reis. Wir wollen uns die Stadt anschauen und sie abseits der Touristenmassen erkunden, was gar nicht so einfach ist. Hauptsaison ist im späten Frühjahr oder frühen Herbst und so fahren wir mitten in einer Winterwoche. „Prag lässt nicht los“ – schrieb Franz Kafka, der in der tschechischen Metropole einst zuhause war. Er hatte so recht. Prag ist eine unheimlich faszinierende und fesselnde Stadt.

Von Berlin aus dauert es mit der Bahn knapp vier Stunden. Entspannt rauscht der Zug durch die Dunkelheit, bis er uns am Prager Hauptbahnhof ausspuckt. Überwältigt von der unübersichtlichen Schilderflut und den grellen Leuchtreklamen, stehen wir irritiert am Bahnhof. Wir laufen an unzähligen Souvenir-Shops, Tabak- und Zeitschriftenläden vorbei, auf der Suche nach der Straßenbahnstation. Der Duft von gebrannten Mandeln und Bratäpfeln vermischt sich mit der Geruchspalette einer Parfümerie. Es ist laut und die Durchsage der ein- und abfahrenden Züge ertrinkt in einem internationalen Stimmengewirr. Die wortkarge Verkäuferin am Fahrkartenschalter hat sich hinter dickem Glas verschanzt und will uns nicht verstehen. Mit Händen und Füßen schaffen wir es irgendwie, Tickets und eine Wegbeschreibung von ihr zu erhalten.

Alteuropäischer Charme vergangener Zeiten

Die Prager Straßenbahn existiert seit 1875, damals wurde sie noch von Pferden gezogen. Der Waggon, in den wir einsteigen, scheint einer der ersten elektrischen Wagen von 1900 zu sein. Es zieht ein bisschen in diesem historischen Gefährt, aber das Fahrgefühl durch diese geschichtsträchtige Stadt passt. Unser Hotel finden wir schnell. Vier Sterne haben wir uns gegönnt und das Bett ist wirklichjeden davon wert. Das Haus diente im 19. Jahrhundert als Rathaus und liegt zentral in der Neustadt. Nicht weit von uns entfernt formen 42 rotierende, blitzblanke Stahlscheiben eine elf Meter hohe Büste des tschechischen Autors Franz Kafka. Perfekt also, um von hier aus die Stadt zu erkunden.

Noch in der Nacht besuchen wir Prags Wahrzeichen, die berühmte Karlsbrücke. Es ist tierisch kalt und dadurch recht leer, so können wir in Ruhe auf die andere Seite der Moldau spazieren. Die Brücke wurde im 14. Jahrhundert erbaut und die älteste Steinbrücke Europas. Bei diesem wirklich extrem romantischen Ambiente vermisse ich ganz kurz meinen Mann, aber es ist ja ein Mädelsausflug und auch gut so. Den Abend lassen wir in der Bar des Prager Bier Museums ausklingen. Die Einheimischen sind sehr freundlich, wir kommen ins Gespräch und ein paar gute Tipps für unseren Aufenthalt.

Unser Plan ist, die Stadt abseits der Touristenmassen zu erkunden und trotzdem ein paar Sehenswürdigkeiten zu sehen. Dass die Straßenbahn der Linie 22 viele der Sightseeing-Hotspots abfährt, ist schon längst kein Geheimtipp mehr. Die Waggons sind oft entsprechend voll und statt schöner Bauwerke sieht man so nicht mehr als den Rücken der Person, die sich vor einem in die Bahn quetscht. Wir laufen also einfach drauf los. Prag ist eine Stadt, die erkundet werden will. Hinter jeder Straßenbiegung verbirgt sich eine neue fantastische Ansicht der Metropole und vielleicht entdeckt ihr so auch das ein oder andere Werk des kontroversen Künstlers David Černý. In einer Gasse lässt er Siegmund Freud von einem Dach hängen, anderswo läuft ein Trabi auf menschlichen Beinen, ein Embryo krabbelt eine Hauswand hoch oder 42 rotierenden Scheiben formen Franz Kafkas Kopf.

Unser Tag beginnt früh. Noch sind nur ein paar Einheimische auf dem Weg zur Arbeit. Das erste Ziel ist der Altstädter Ring, der zentrale Platz der Prager Altstadt. Hier steht die Teynkirche umsäumt von unzähligen Restaurants, Bars und schicken Renaissance- und Barockhäusern. Bei Nacht wirkt der Kirchturm ziemlich vampiresk. Gegenüber der Kirche liegt das Rathaus mit seiner weltbekannten astronomischen Uhr, dem Orloj, erbaut um 1400. Die Uhr ist ein Kunstwerk für sich und ein beliebtes Fotomotiv.

Auf dem Platz und in den umliegenden Gassen duftet es überall wie auf einem Weihnachtsmarkt. Ein Stand nach dem anderen bietet Trdelník an, ein traditionelles Gebäck, das an Stöcken aufgedreht gebacken und dann mit allerlei süßem Zeug und Früchten gefüllt wird. Bei uns kennt man es unter dem Namen „Baumstriezel“.

Jugendstil und Judentum

Ein paar Gassen weiter nördlich liegt das jüdische Viertel Josefov. Hier sehen die Gebäude anders aus. Nachdem die jüdische Bevölkerung 1948 die Bürgerrechte erhalten und viele Menschen das einstige Getto verlassen hatten, verfielen die Häuser. Mit der Wende zum 20. Jahrhundert wurde neu aufgebaut. Heute prägt prunkvolle Jugendstil-Architektur das Bild. Während sich in der Altstadt noch Souvenirläden mit böhmischem Kristall und allerlei Andenken aneinanderreihen, sind hier in der Pařížská die exklusivsten Modehäuser ansässig. Wir sind aber definitiv nicht zum Luxusshoppen nach Prag gekommen und gehen stattdessen Vietnamesisch essen. Gestärkt mit herrlicher Pho-Suppe vertiefen wir uns in die Geschichte des Viertels. 

Einige Synagogen stehen hier, die beeindruckendste unter ihnen ist die Staronová Synagoga. Sie ist die Hauptsynagoge der Jüdischen Gemeinde Prags und die Älteste in Europa. Der frühgotische Bau entstand im 13. Jahrhundert und seine dicken mittelalterlichen Mauern hielten Stadtbränden, Pogromen und Kriegen nahezu unversehrt stand. Legenden nach, liegen noch heute die lehmigen Überreste des Golems vom berühmten Rabbi Löw auf dem Dachboden. Andächtig schreiten wir durch die alten, massiven Gemäuer und betrachten die kunstvoll geschmiedeten Kronleuchter. Der Golem erscheint uns plötzlich gar nicht mehr so unglaubwürdig.

Einen Steinwurf von der Synagoge entfernt liegt der alte jüdische Friedhof. Auf nur einem Hektar Fläche stehen 12.000 Grabsteine dicht gedrängt und man geht von weit über 100.000 Menschen aus, die hier bestattet wurden. Der älteste Grabstein trägt die Jahreszahl 1439. Leider sind mehrer Busladungen mit Touristen angekommen, so folgen wir einem Tipp. An der Straße 17. Iistopadu (nah dem Rudolfinum) befindet sich eine Tür mit einem kleinen Fenster in der Friedhofsmauer, das den Blick über das Gelände frei gibt. Uns hat es gereicht.

Schmale Wege und traditionelles Handwerk in Prag

Die Sonne meint es heute gut. Wir gönnen uns ein kleines Frühstück im berühmten Kaffeehaus Slavia, mit seinem stilvollen 1930er Jahre Ambiente. Das Café existiert, mit kurzer Unterbrechung, seit 1868 und Persönlichkeiten wie Vaclav Havel, Rainer Maria Rilke oder Egon Erwin Kisch verkehrten schon hier. Gestärkt fahren wir mit der Bahn über die Moldau auf die „Kleinseite“. Noch bis 1748 bildete dieser Stadtteil unterhalb des Burgenviertels eine eigene Ortschaft. Denkt man sich die Autos weg, wirken die malerischen Gassen, die engen kopfsteingepflasterten Straßen und den vielen Barockpalästen, als sei man in eine andere Zeit versetzt. Die Menschen wuseln quirlig durch die schmalen Gassen und ein paar Touristengruppen sind schon unterwegs.

In urigen Lädchen werden handgefertigte Marionetten nach langer Prager Tradition angeboten. Nebenan spiegelt sich das Licht in böhmischer Kristallglaskunst. Ein Stück weiter die Straße runter, kann man den kleinen Maulwurf aus der tschechischen Kinderserie in allen Größen kaufen.

Wir schlendern durch die Gassen und landen auf dem Vorplatz des Kafka Museums, das sich in einer alten Ziegelbrennerei am Ufer befindet. Unsere Blicke bleiben an einem kleinen Lebkuchenhaus haften. In der Auslage liegt köstlicher Lebkuchen und es duftet nach Weihnachten. Wir können nicht widerstehen und teilen uns ein Lebkuchenmännchen und trinken dazu heißen Ingwertee, draußen auf der Bank. Uns gegenüber steht eine Gruppe kichernder Jugendlicher um einen Brunnen. Was ist das los? Zwei nackte edelstählerne Männer stehen dort und pinkeln in ein Becken mit dem Umriss der Tschechischen Republik. Hier war wohl David Černýs am Werk.

Aus einer unscheinbaren Seitenstraße dringt Musik zu uns und neugierig folgen wir den bekannten Klängen von John Lennons „Imagine“. Eine Menschentraube hat sich um einen Gitarristen gebildet. Lässig lehnt er an einer bunt bemalten Mauer – die John Lennon Wall. In den 1980ern begannen junger Prager die Wand mit Songtexten und Gedanken zu beschreiben und so ihrem Unmut über die Staatsoberhäupter Luft zu machen. 1988 führte dies zu Krawallen zwischen hunderten Studenten und den ausführenden Armen der kommunistischen Regierung Gustáv Husáks. Noch heute wird die Mauer immer wieder bemalt und beschrieben und die vielen Zentimeter Farbe sind zu einem Symbol für Liebe, Frieden und die Verwirklichung persönlicher Ideale geworden.

Abends laufen wir das Ufer der Moldau entlang und entscheiden uns spontan für ein Getränk auf der Terrasse der Glass Bar. Die Bar befindet sich auf dem Dach des tanzenden Hauses des Architekten Frank Gehry. Von den Pragern wird es liebevoll „Ginger und Fred“ genannt, nach der Filmsatire von Fellini. Tatsächlich stehen wir Schlange, denn viele Besucher wollen von der Dachterrasse die Sicht über die Stadt genießen. Wenn man ein Getränk oder ein Stück Kuchen kauft, ist das auch erlaubt. Das Warten lohnt sich und wir bekommen eine tolle Aussicht geboten, die wir bei einem Glas Wein auf uns wirken lassen.

Massen in den Gassen

Es ist Freitag und der läutet das Wochenende ein. Menschenmassen verstopfen die Straßen der Altstadt. Wir folgen einem Tipp und fahren mit der Standseilbahn zum Aussichtsturm Petřín hoch, auf den gleichnamigen Hügel. Oben angekommen, bietet sich eine spektakuläre Aussicht und mit uns sind gerade mal zehn weitere Besucher hier oben. Scheinbar schieben sich all die anderen lieber durch die engen Sträßchen des Burgenviertels. 299 Stufen später eröffnet sich uns ein sagenhafter Rundumblick über und wir bekommen eine Idee, warum Prag auch „goldene Stadt“ oder „Stadt der tausend Türme“ genannt wird. Ein goldig in der Sonne schimmerndes Meer von Sandsteintürmen ragt gen Himmel. Jede Stufe hier hoch hat sich gelohnt.

Am Abend finden wir eine kubanische Bar in einem Souterrain. Die Holzvertäfelung und das Mobiliar sind aus feinstem Mahagoni. Die Barkeeper sind stilvoll gekleidet, mit Ärmelraffer und Fliege. Das Menü bietet unzählige Sorten exquisitesten Rum und natürlich Absinth. Der berühmte Wermutschnaps war im 19. und 20. Jahrhundert ein beliebtes Getränk und in Europa und den USA lange Zeit verboten. Das, im Schnaps enthaltene Nervengift Thujon, stand im Verdacht, krank und abhängig zu machen. In Prag ist Absinth heute wieder sehr populär. Man tropft ihn aus einem speziellen Gefäß auf ein Stückchen Zucker, das auf einem eleganten Löffel über ein Glas gelegt und entzündet wird. Wir bleiben doch lieber beim Rum und lassen unseren letzten Abend ausklingen. Die tschechische Metropole ist eine Reise wert und ich werde wiederkommen.

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