Mantra gegen die Angst

“Das Mantra gegen die Angst oder Ready for everything” von Helge Timmerberg

Ein Mantra gegen die Angst oder schnell weg aus Ostwestfalen. “Bielefeld gibt’s doch gar nicht“, schallt es mir immer wieder entgegen und ich kann es nicht mehr hören – ich, eine gebürtige Bielefelderin. Die Verschwörungstheorie, die besagt, dass die Stadt von Dr. Oetker gar nicht existiert ist schon über 20 Jahre alt und mittlerweile gibt es sogar einen Kinofilm darüber.

Aber wir schweifen ab. Was soll ich sagen, Bielefeld existiert. In der sagenumwobenen Metropole mit der Ritterburg am Teutoburger Wald hat doch Helge Timmerberg seine Sturm-und-Drang Zeit verbracht. Hier begann er seine ersten Gehversuche als Journalist bei der Neuen Westfälischen. Und in den 1970er Jahren eröffnete er das erste vegane Restaurant in der Stadt, aber für so etwas war der gemeine Ostwestfale noch nicht bereit. 

Helge Timmerberg war ohnehin stets ein ruheloser Geist und so zog es ihn in die weite Welt. Hunter S. Thompsons Buch Angst und Schrecken in Las Vegas wird für Timmerberg damals richtungsweisend. Inspiriert von Thompson und dem amerikanischen New Journalism, begann Helge seine Reportagen über ein wildes Leben, Frauen und Drogenexzesse zwischen Bielefeld, Havanna und dem Himalaja in der Ich-Perspektive zu schreiben. Nie zuvor hatte ein deutscher Journalist Derartiges zu Papier gebracht, so wild und ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen. Auch die Arbeitsweise übernimmt Helge Timmerberg von Hunter S. Thompson und verlegt seinen Schreibtisch dazu zwischenzeitlich mal in ein Hotel in Havanna oder für ein paar Jahre in eine Finka in Marrakesh – natürlich alles zum Leidwesen seiner Auftraggeber. Seine Reisen finanziert er mit ordentlichen Vorschüssen und Klatsch-Kolumnen.

Ein Mantra gegen die Angst

Vor fünfzehn Jahren reiste Helge Timmerberg zum ersten Mal nach Kathmandu und pilgerte im Annapurna-Massiv. Damals verriet ihm der Guru und Wandermönch Kashinath das Mantra gegen die Angst. Für Timmerberg war es ein Geschenk, das sich als sehr nützlich erweisen sollte. Helge hatte Angst: Angst vor Hunden, besonders den Großen, Angst vor Talkshow-Moderatoren, vor Türstehern und vor den Lesern seiner Bücher. Letzteres kann wahrscheinlich ganz schön blockieren.

Alle wissen, dass ein Mantra kein Opel ist, Mantras sind Worte, die wirken. Nicht durch ihren Inhalt, sondern ihre Lautschwingungen. Sie massieren das Gehirn von innen, sie schwingen die Stressneuronen raus, andere machen das genaue Gegenteil und putschen auf, für jeden ist etwas dabei, sie haben sogar ein Mantra, um Tiger ruhigzustellen.

Helge Timmerberg – Das Mantra gegen die Angst

Jetzt, fünfzehn Jahre später ist Timmerberg wieder in Kathmandu. Er will den Guru wiederfinden und er hat Fragen. Helge will über das Mantra und seine Geschichte schreiben, seinen Lesern etwas Positives mitgeben, doch er hat Angst, dass das Mantra dann seine Wirkung verliert. Er braucht Antworten. Doch wie findet man bitteschön einen Wandermönchen in Nepal? Timmerberg begibt sich auf die Suche und nimmt uns mit durch Kathmandu und die verzauberte Tempelanlage Paschupatinath. Wir sitzen mit ihm auf dem Balkon seiner alten Freundin Scarlett und trinken Bier. Wir folgen seinen philosophischen Gedanken und lauschen den Geschichten, wenn Helge von Früher erzählt. Früher, als er in Berlin neben Mercedes gewohnt hat und jeden Abend Angst vor den Hunden der Zuhälter aus dem nahegelegenen Puff hatte. Wenn er das Mantra gegen die Angst vor sich hin murmelte, konnten ihm weder die kleinen Schoßhunde noch die Kampftölen irgendwas anhaben.

Helge Timmerberg hat einmal mehr ein Werk voller Leichtigkeit, Tiefe und Poesie geschaffen. Sein ganz spezieller Humor sticht heraus. Der Reiseschriftsteller geht mit offenen Augen durch die Welt und beschreibt so bildhaft, dass er seine Leser in die Geschichten von fernen Ländern hineinzieht. Man hat das Gefühl neben ihm im Taxi zu sitzen, das durch die staubigen Strassen Kathmandus heizt. Es macht Spaß in die Geschichte einzutauchen.


Helge Timmerberg: Das Mantra gegen die Angst oder Ready for everything
Piper Verlag | München, 2019 | 336 Seiten | Gebundenes Buch, 20,00 €. 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Verwandte Beiträge

Beginne damit, deinen Suchbegriff oben einzugeben und drücke Enter für die Suche. Drücke ESC, um abzubrechen.