Bonnie und Clyde

„Ladies and Gentlemen, das ist ein Überfall! Die Geschichte von Bonnie und Clyde“ von Michaela Karl

„Ladies and Gentlemen, das ist ein Überfall!“

Hinter diesem aufrüttelnden Titel verbirgt sich tatsächlich ein Geschichtsbuch. Doch statt dröger historischer Eckpunkte sind die Fakten geschickt verpackt und so spannend wie ein Kriminalroman. Michaela Karl begibt sich in ihrem Werk auf die Spuren des berüchtigten Gangsterpärchens Bonnie und Clyde. Was sie uns bietet ist ein sehr runder Einblick in das Leben der beiden und die Geschichte eines früheren Amerikas.

„Das ist Miss Bonnie Parker. Ich bin Clyde Barrow. Wir rauben Banken aus“

Wir befinden uns im Amerika in den 1930-Jahren. Es ist die Zeit der Großen Depression, es herrschen Arbeitslosigkeit und Armut. Um einem aussichtslosen Leben zu entkommen, entwickeln Bonnie Parker und Clyde Barrow ein sehr eigenwilliges Geschäftsmodell: Sie rauben Banken aus. Dabei gelangen die beiden zu einer sonderbaren Popularität. Die Verlierer des amerikanischen Traums bewundern das Räuber-Pärchen, das das Land im Zaum hält. Ihre Losung: Tod oder Freiheit. Zwei Jahre lang schafft es niemand, den Sperrgürtel der Solidarität, der sie umgibt, zu durchbrechen. Dann erklärt FBI-Direktor Edgar J. Hoover Bonnie und Clyde den Krieg.

Mythos oder Wahrheit

Ihre abenteuerliche und romantische Geschichte kennen wir alle aus dem Kino oder dem gleichnamigen Toten Hosen-Song. Doch was steckt hinter dem Mythos „Bonnie & Clyde“? Michaela Karl schaut hinter eine glamouröse Phantasie und entblättert ihn für uns. Was bleibt, ist weniger romantisch: Parker und Barrow sind Gangster und sie gehen, wenn nötig über Leichen, um ihr Ziel zu erreichen. Obwohl die beiden viel Unrecht begehen, fühlt man fast ein wenig mit. Bonnie ist felsenfest überzeugt, ohne Clyde nicht mehr Leben zu können und nimmt für ihn herbe Verluste im Kreise der Familie in Kauf. Auch für Romanzen bleibt kaum Zeit, immer auf der Flucht und mit dem Tod im Nacken. Diese Geschichte eines gehetzten Lebens und Karls runder Schreibstil lassen aus einem historischen Werk einen turbulenten Kriminalroman werden.

Clyde Barrow ist es egal, wer ins Weiße Haus einzieht. An seiner Situation ändert das nichts. Er macht sich dran, der Bedeutung, die ihm die Zeitungen verleihen, jetzt auch im realen Leben zu entsprechen.

– “Ladies und Gentlemen, das ist ein Überfall” von Michaela Karl

Ein Geschichtsbuch wie ein Kriminalroman

Der Aufbau ist chronologisch. Als Leser erhält man einen umfangreichen Überblick über das Amerika der 1920er und 30er Jahre und ein unverstellten Blick auf das Gangsterpärchen Bonnie und Clyde. Der Geschichte mit einem Leben vor der Kriminalität beginnt. Karl zeichnet uns ein Bild der Familienverhältnisse, in denen die beiden aufwuchsen, ihre Liebe zu den Eltern und Geschwistern. Wir erfahren, was sie zu ihrem tiefgreifenden Entschluss Banken auszurauben trieb und wie sie zu einem Mythos wurden. Besonders hängen geblieben ist bei mir, dass hier auch einmal die Sichtweise der Familien einfließt, die mitunter einen ganz neuen Blick auf das Verbrecherpaar bieten. Das Buch ist eine Leseempfehlung für Krimifans und historisch interessierte Leser gleichermaßen.


Michaela Karl: “Ladies and Gentlemen, das ist ein Überfall!” Die Geschichte von Bonnie und Clyde.
btb Verlag | München 2015 | 304 Seiten, 9,99 €. 

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